Worte und Farben, Gesichter und Tiere 2026

Ausstellung Museumspavillon / Stadtgalerie, Salzburg
25. 6. 2026 - 16. 8. 2026

Welche Farbe hat die Glockenblume oder der Zitronenfalter, welches Weiß hat der menschliche Augapfel ? Um die Natur verbindlich zu beschreiben und zu klassifizieren hat Abraham Gottlob Werner, ein bedeutender Mineraloge und Geologe, im 18. Jahrhundert ein Regelwerk zur einheitlichen Benennung entworfen, die 79 Farbtöne anhand von Fossilien und Mineralien genau beschreibt. Der schottische Pflanzenmaler Patrick Syme hat 1814 Werners Farbsystem, ergänzt um 31 Farbtöne, mit zusätzlichen Beispielen aus Botanik, Zoologie und Anatomie publiziert. Mit seinen kolorierten Farbtafeln bildete diese Publikation, vor dem RAL-Farbensystem und Pantonefächer, die standardisierte Referenz für Wissenschaftler und Künstler, auf die man sich bei der Beschreibung von Natur und Objekten beziehen konnte. 

Ulrike Lienbachers Ausstellung kreist in ihren neuen Arbeiten bildassoziativ um uralte philosophische Fragen, wie wir die Welt verstehen und wie Darstellungen bzw. Definitionen von Teilen der physischen Welt funktionieren. Der Körper als Folie, auf dem sich gesellschaftliche Phänomene nachhaltig abbilden, ist eine der Ausgangspunkte für ihr Werk, das sich aus Zeichnungen, Objekten, Installationen, Fotografie und Video aufbaut. Es geht ihr dabei um das Regime von Regeln, Anforderungen und Einschränkungen, die den Körper buchstäblich wie ein Korsett einschnüren, aber auch um Möglichkeiten, dieses abzustreifen und widerständig zu sein. Das Feld des Sports, der Hygienediskurs mit seinen Vorstellungen von Gesundheit und Fitness, sowie Sexualität und Begehren sind Themenfelder in vielen ihrer Arbeiten. Diese Thematiken spiegeln sich auch in der zeichnerischen Arbeitsweise selbst. Die klar gezogene Linie, die gleichzeitig kontrolliert aber auch fragil und gebrochen wirkt, ist das wesentliche Gestaltungsmittel in ihrem zeichnerischem Werk, das fern eines gestischen Automatismus konzeptionell angelegt ist.

In ihren neuen Werkgruppen erweitert sie diese Fragestellungen. „Weiche Definitionen“ baut auf Symes und Werners Farbregelwerk auf und führt spielerisch das Bemühen strikter definitorischer Katalogisierungen zugunsten poetischer Unschärfen ad absurdum. Diese Farb / Text - Arbeiten versteht sie als eine Multimediaarbeit – zu den Farben und Buchstabenzeichnungen auf dem Papier tritt der Text, ein Sound, als Bedeutungsebene hinzu.

„Was mich interessiert, ist die Annäherung, das Ungefähre, das Herantasten, das nicht ganz Präzise, auchdas Ungenaue, das Unscharfe, ein Spielraum der einem, bleibt - in einer Zeit der Passwörter und Formulare, unerbittlich auch was kleinste Fehler angeht - Null und Eins, entweder / oder auch häufig als fragwürdigesPrinzip der öffentlichen Debattenkultur.“

Lienbacher setzt an den Anfang ihrer Ausstellung einen Zeichentrickfilm "0 / 1 / wahr / falsch". Der Binärcode ist die Grundlage jeglicher digitaler Datenverarbeitung. Dieses Urbild eines eindeutigen entweder / oder liegt bereits der Wahrheitsdefinition von Aristoteles zugrunde:

„Zu sagen von dem, was ist, dass es nicht ist, oder von dem, was nicht ist, dass es ist, ist falsch; hingegen zu sagen von dem, was ist, dass es ist, und von dem, was nicht ist, dass es nicht ist, ist wahr.“

Lienbacher stellt diesen Satz, übersetzt in den Binärcode Null und Eins, als Zeichentrickfilm an den Beginn ihrer Ausstellung und formuliert damit den Anspruch, zwischen richtig und falsch, zwischen Wahrheit und Lüge zu unterscheiden. Gleichzeitig setzt sie in ihren weiteren Werkgruppen auf Zwischentöne, die Möglichkeit produktiver Unschärfe, auf die Räume, die der Zufall und die Abweichung eröffnen, auf eine bewusste Ungenauigkeit als Gegenmodell zum 0+1 Prinzip, als eine Möglichkeit der Wahrheitsannäherung.

Platons Höhlengleichnis ist heute als mediales Setting zutreffender denn je - angekettet sitzen wir in einer Höhle und nehmen die Welt nur als Widerschein auf unseren Screens wahr - flackernde Kaskaden endloser Bilderuptionen, die algorithmisch gesteuert zu punktgenauen Zielwaffen im Meinungskrieg werden. 

Der zweite Film in der Ausstellung, „Hände, Gesichter, Tiere“ (SW, ohne Ton, 2026), eine charmante Medienreflexion, baut auf das Prinzip des Handschattentheaters – amüsiert folgen wir dem dramaturgischen Ablauf und sehen bei der Erzeugung von Illusionen zu. 

U Lienbacher Stadtgalerie 2026 DSR0171 72 schrcor
© R. Iglar
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o.T., 2026. Pigmenttusche, 200 x 116 cm
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